Herr Hase

Internetalgorithmuskreativität

Ich habe die Entstehung des Internets miterlebt. In meiner frühen Kindheit gab es keinen Internetzugang, erste Geh-Versuche kamen mit AOL Dial Up CDs und dem Einwählen über die Telefon-Leitung an Papas Heim-PC. Gerade rechtzeitig zu meiner Jungend dann das aufregende Web 2.0: Chatten über ICQ und MSN, browsen auf Youtube, SchülerVZ und das Tauschen von Torrents via LimeWire. Ich begann meine Ausbildung, kaufte mir mein erstes Smartphone (das iPhone 3G) und hatte ebenso wenig Ahnung wie alle anderen, wie brutal sich unsere Welt ändern sollte. Später dann, im Studium, lernten wir über das Internet der Dinge, über Timeline-Algorithmen und erforschten die Megatrend-Map in der Hoffnung, mögliche Entwicklungen absehen zu können, ohne in die Zukunft schauen zu können.

Spielt alles keine Rolle, denn weitere 10-15 Jahre voraus, in der Jetzt-Zeit, leben wir in einer Welt die niemand so hat kommen sehen. Oder sehen wollen. Der kommunikative Austausch ist zu einem Geschäftsmodell verkommen. Wer nicht zahlt, ist nicht sichtbar. Faschistoide Tech-Milliardäre zersetzen ganze Gesellschaften mit ihren Machtfantasien und als wäre unser hilfloses Taumeln von einer Plattform zur nächsten nicht genug, ist sie jetzt da: Die Künstliche Intelligenz. Oder besser gesagt, der Alogrithmus, das LLM, das unter dem Begriff „Intelligenz“ vermarktet und mit aller monitären Macht in unseren Alltag gepresst wird.

Ihre Nützlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen und es gibt viele Anwendungsbereiche, in der sie hilfreich ist, sei es Forschung, Medizin und Technik. Und ich würde lügen, hätte ich nicht auch schon im Kleinen Packlisten für Tagestouren damit erstellt oder als absoluter Laie den CSS Code zu diesem Blog nach der Stelle durchsuchen lassen, an der ich die Größe der Überschriften ändern kann.

Aber ich arbeite in einem Umfeld, in dem man das Versprechen bekommt, schneller, schneller und nochmals schneller Ergebnisse generieren zu können, bei der gleichzeitigen Drohung, in der jetzigen Form obsolet zu werden. Oder es bereits zu sein. Wer sich nicht anpasst, geht unter, schneller denn je. Ich habe einen Beruf, dem man nachsagt kreativ zu sein, der sich zwischen Wissenschaft und Kunst einordnet. Und der von Quantität statt Qualität bedrängt wird. Klar kann man nun behaupten, das alles ist eine Phase, die Menschen werden sich nach einem kurzen Hype bewusst werden, dass Menschliche Intelligenz mehr wirkt und wertvoller ist als hektisch generierter Slop. Aber was passiert bis dahin, können wir solange kämpfen und die Luft anhalten? Oder wird all das Wissen, als die Kunst, all das Schaffen, von Algorithmen zerhackstückelt, verfüttert und in zusammengeklebter Unkenntlichkeit als neuer Kontent wieder ausgespuckt, wieder und wieder, bis nichts mehr Originelles übrig bleibt? Über so viele Jahrzehnte haben wir einen riesigen Wissensschatz aufgebaut, zugänglich über beinah jedes technische Gerät mit Internetzugang. Nur um es jetzt einer Branche dem Fraß vorzuwerfen, die nur eines im Sinn hat: Kapitalerwirtschaftung.

Ich zeichne. Ich illustriere. Nicht gut, nicht als Profi, aber als Ausdrucksform meiner eigenen Kreativität. Als das Internet aufkam und es möglich wurde, Bilder hochzuladen, zeichnete ich kleine Comics, scannte sie ein und lud sie hoch. Ein Webcomic-Blog entstand, ich erhielt Feedback und es entstand eine winzig kleine Community. Ich wurde älter, Prioritäten änderten sich, der Blog schlief ein. Seit etwa einem Jahr ist ein neues Projekt in meinem Kopf entstanden, eine Figur entstand, eine Welt in der sie lebt, alles Ausdrucksform der Verarbeitung meiner Umwelt und Gedanken. Aber ich will sie nicht digitalisieren und als kleine Geschichten hochladen. Ich kann es nicht. Obwohl ich bereits eine Domain registriert habe, möchte ich diese Welt nicht in die Mühle der „KI“ werfen. Ich will sie nicht zu Trainingsdaten werden lassen, die als Chimäre in Bits und Bytes für irgendeinen Bro auf LinkedIn oder eine Gisela auf Facebook herhalten müssen.

Ich beschäftige mich beruflich zwangsläufig mit dieser Technologie, muss sie verstehen und teils einzusetzen lernen um nicht verloren zu gehen. Aber der Widerwillen dagegen wächst jeden Tag und ich werde langsam müde, etwas hinterher zu laufen, nur um für einen Markt relevant zu bleiben, der sich nicht um mich schert und nur den Gewinn im Sinn hat.

Als Instagram an Meta ging und der Algorithmus kam, habe ich meinen Account löschen lassen, so wie ich es vorher mit Facebook getan haben, wo Nazis und Wutbürger ohne Einschränkung ihr Gift verspritzen dürfen. Aus diesem Grund ist auch Whatsapp von meinem Smartphone geflogen, obwohl die Kommunikation in meinem Freundes- und Familienkreis viel aufwändiger und unbequemer geworden ist. Aber am schmerzhaftesten war Twitter, in Deutschland gehörte ich zu den Early Adoptern und ging, als Musk kam. Bis heute liebe ich meinen RSS-Reader, den ich in Studienzeiten anlegte und der durch mehrmaliges Umziehen sogar das Ende von Google Reader überdauerte.

Stand heute habe ich den sehnlichen Wunsch nach einem Web 1.5 Reloaded. Kleinen Inseln des Wissens und der Kreativität, fernab von Gewinnmaximierung und Turbokapitalismus. Auf etwas Frieden.